Erst in der Hitlerdiktatur, dann in der
»DDR-Diktatur« gelebt: Joachim Gauck macht sich zum
»Stasi-Opfer«, obwohl er mit dem Ministerium für
Staatssicherheit kooperierte
Foto: AP
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Klaus Huhn erinnert mit seinem neuen Buch »Der Inquisitor
kandidiert« an die für
Joachim Gauck angelegte Akte des
Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) der DDR. Diese wird in
der Publikation des jW-Autors vollständig wiedergegeben. An
dieser Stelle veröffentlichen wir Auszüge aus Buch und
Akte; Auslassungen sind mit eckigen Klammern gekennzeichnet.
Zwischenüberschriften sind von der Redaktion eingefügt.
jW dankt dem Verlag Edition ost für die Gewährung des
Vorabdrucks.
Klaus Huhn signiert sein Buch auf dem Fest der Linken in der
Berliner Kulturbrauerei am 19. und 20. Juni jeweils zwischen 11 und
13 Uhr am Stand »Unsere Buchempfehlungen für
Sie«.
Die Funktion des ›Großinquisitors‹ in den neuen
Bundesländern, des Mannes also, der die […] Papiere des
Teufels für die Verhandlungen liefert, […] bekleidet
der ›Sonderbeauftragte für die personenbezogenen Akten
des MfS‹,
Joachim Gauck. Ist er so ›heilig‹,
wie dies die Inquisition von ihren Dienern forderte?« Ja, das
hatte ich 1993 im »Neufünfland-Pitaval«1
geschrieben, und das hatte
Gauck vielleicht gestört. Aber weit
mehr dürfte ihn gestört haben, was auf den folgenden
Seiten stand, denn darüber verlor er kein Wort – und
hatte vielleicht triftige Gründe.
Ich fuhr damals fort: »Der Fernsehsender ZDF – so
meldete die Hamburger Welt am 23. April 1991 – verbreitete,
›
Gauck habe die vom MfS über ihn angelegten Akten
mehrfach und über längere Zeit ohne Beisein anderer
Personen eingesehen‹. Es fanden sich dennoch hinterher
Papiere, die belegen, daß der Inquisitor Kontakte mit jenem
Amte gepflegt hatte, das nicht nur in den
Neu-Fünf-Ländern, sondern vor allem in Bonn und seinen
Medien gern mit dem Leibhaftigen verglichen wurde.
Am 19. September 1995 publizierte der Tagesspiegel den Artikel
einer Regina Mönch über
Gauck, und die kam auf die
›böse Vokabel‹ zurück: ›Angegriffen
wird
Gauck vor allem aus den Reihen der PDS. Auf dem letzten
Parteitag wurde ein Büchlein vertrieben, in dem
Gauck als
Großinquisitor vorkommt. Zum Vergleich für
Gaucks Rolle
heute dient der Fall eines Pariser Advokaten aus dem 17.
Jahrhundert, der durch üble Nachrede und Inquisition auf dem
Scheiterhaufen endete, nicht ohne zuvor grausam gefoltert worden zu
sein. Ein Exhauptmann von der Stasi brüstet sich im folgenden
mit banalen Kenntnissen über den damaligen Pfarrer, und er
bedauert, daß sie Leuten wie
Gauck nicht auf die Sprünge
gekommen sind.‹« (Der Tagesspiegel, 19.9.1995)
Allein mit seiner Akte
Dies war eine schlichte Lüge, die nur so zu erklären war,
daß Regina Mönch das Buch nie gelesen hatte. Denn
wiedergegeben worden war in dem Buch eine »Stasi-Akte«
und zwar eine, die Herrn
Gauck betraf. Schon 1991 hatte der Spiegel
(17/1991) vermeldet: »Was seit Wochen blubbert und schwelt,
erfährt am Mittwoch voriger Woche im ZDF ein
Millionenpublikum. Der Leiter von ›Studio 1‹, Bodo H.
Hauser, meldet ›schwere Zweifel‹, daß der
›Herr der Stasi-Akten‹ integer genug ist. Als
Kernstück eines Potpourris, in dem der schneidige Kommentarton
Skandalöses unterstellt, wirft der Magazinmacher dem
Behördenchef vor, seine persönlichen Unterlagen im
Rostocker Stasi-Bezirksarchiv stundenlang allein eingesehen zu
haben. Daß er Grund genug zur Diskretion gehabt haben
könnte, schwingt dabei mit: Schließlich sei
Gauck als
Organisator des DDR-Kirchentages 1988 für den
›störungsfreien Ablauf‹ von der Staatssicherheit
höchstselbst belobigt worden. Der Angeklagte bemüht sich
um Gelassenheit. Seine Auffassung, die einzelnen Fallgeschichten
möglichst unaufgeregt zu erörtern, soll jetzt auch
für ihn selber gelten. ›Ich bin nie IM gewesen‹,
sagt er milde und lächelt dabei.«
Der Spiegel hatte es damals nicht dabei belassen, sondern
konstatiert: »So hängt ihm denn nun vor allem die
Dummheit an, die Dokumente letzten Sommer ohne Begleitung
geprüft zu haben. Sich dafür zu rechtfertigen, fällt
ihm sichtlich schwer, und der FAZ scheint das zu reichen, ihr
Gauck-Bild umzumalen.«
Klartext:
Joachim Gauck hatte sich im Sommer 1990 – also noch
vor dem »Beitritt« – in die Räumlichkeiten
begeben, in denen das MfS die Akten aufbewahrte, hatte dort
mutterseelenallein in den Akten gewühlt –
einleuchtend, daß er vor allem seine in den Händen hatte
–, und niemand weiß, ob er sie an Ort und Stelle
liegenließ oder mitnahm.
In dem schon zitierten Wochenpost-Interview2 hatte ihn ein Leser
gefragt: »Warum spielen Sie Ihre eigene Stasi-Affäre
runter?«, und
Gauck hatte geantwortet: »Ich hatte
keine. Ich habe eine Stasi-Akte, einen operativen Vorgang, das ist
eine klassische Opferakte.« Doch
Gauck konnte sich nie von
dem Verdacht befreien, belastendes Papier beiseite geschafft zu
haben. Wieder und wieder wurde die Frage in den Medien gestellt und
erörtert.
Im November 1995 war das Thema erneut in die Schlagzeilen geraten
und wurde auf allen Fernsehkanälen diskutiert. Einer der
renommiertesten TV-Rezensenten, Peter Hoff, machte sich die
Mühe, verschiedene Sendungen zu verfolgen und schrieb für
das Neue Deutschland auf, was ihn bewegt hatte: »Dieser Mann
läßt frösteln. Ich bin wahrlich kein Sensibelchen,
das verbietet mein Beruf. Bei
Joachim Gauck versagte meine
Kaltblütigkeit. Am Montag (dem 6. November 1995 – K. H.)
saß er in der Runde um Lea Rosh beim ›Talk vor
Mitternacht‹ (N 3), am Dienstag (dem 7. November 1995
– K. H.) war er Hauptperson bei ›Gespannt auf‹
(WDR). Es ist die schreckliche Selbstgerechtigkeit, die
Gauck
ausstrahlt, die das Gefühl der Kälte erzeugt, das mich
früher auch bei seltenen Begegnungen mit den Teilhabern der
Macht in der DDR beschlich, mit Schabowski beispielsweise. Eine
Haltung, die dem Selbstzweifel nicht den geringsten Raum
läßt und zu in jedem Fall definitiven Aussagen und
Urteilssprüchen führt.
Joachim Gauck und ich gehören annähernd derselben
Generation an, ich könnte mir vorstellen, daß wir
denselben Zweifeln ausgesetzt waren. Einige Episoden unserer
Biographien dürften einander gleichen. Auch ich bin
evangelisch getauft, habe mich, obgleich dies nicht opportun war,
konfirmieren lassen und suchte in den 50er und frühen 60er
Jahren in der Jungen Gemeinde Zuflucht, weil mir die Oberschule wie
die FDJ keine Antwort auf meine Fragen nach den Widersprüchen
in der DDR-Gesellschaft nach Stalin geben konnten. Ich habe lernen
müssen, mit meinem Lebenslauf in seiner
Widersprüchlichkeit zu leben, ob mir das angenehm ist oder
nicht.
Gauck hat seiner Biographie den entscheidenden Schliff gegeben, die
sie nun von der seiner Generationsgenossen unterscheidet. Will man
ihm glauben, so hat er nie unsere Zweifel gehabt, war er nie auch
nur in Versuchung geraten, den Sozialismus als gesellschaftliche
Alternative zu akzeptieren. Man könnte dem beurlaubten Pfarrer
vorhalten, daß sich Festigkeit im Glauben erst in der
Anfechtung erweist. Aber es ist fraglich, ob ihn ein solcher
Vorwurf noch träfe.
Gauck hat in seiner Biographie
geschwärzt, was nicht für die Öffentlichkeit
bestimmt ist.
Ein Beispiel: Am 17. April 1991 war ein Beitrag der ZDF-Sendung
›Studio 1‹ einer unbewiesenen Behauptung seitens der
Superillu gewidmet,
Joachim Gauck sei Stasi-Spitzel gewesen. Bei
dieser Gelegenheit bestätigte der Rostocker Pastor im
Interview, ein Hauptmann des MfS habe ihm nach dem Kirchentag 1988,
›seinen Dank (…) ausgesprochen‹ für die
reibungslose Durchführung dieser Veranstaltung. Im gleichen
Beitrag spielte auch die MfS-Akte ›Rostock/I 533/83‹
eine Rolle. Darin, so wurde im Beitrag dargelegt, bescheinigt ein
MfS-Hauptmann dem Pastor, nach der erlaubten Ausreise seiner
Söhne in den Westen und einer ihm genehmigten Westreise sei
von
Gauck ›kein Konfrontationskurs mit dem Staat mehr zu
erwarten‹.
Ralf Merkel, Abteilungsleiter im Komitee zur Auflösung des
MfS/AfNS, erklärte in der Sendung: ›Am 2. August 1990
erschien
Gauck im Archiv in Rostock. Es wurde die Bereitstellung
seiner Unterlagen verlangt. (…) bei der Durchsicht seiner
Akten war keine weitere Person zugegen.‹ In der WDR-Sendung
behauptete
Gauck ohne Zögern, es seien seinerzeit
›viele Leute‹ dabeigewesen, als er für wenige
Minuten in seine Akte Einsicht nahm. Dem widerspricht nicht allein
das Statement von Ralf Merkel, der eindeutig sagte: ›Herr
Gauck hat sich mehrere Stunden allein im Archiv aufgehalten‹
und sei hinterher nicht untersucht worden; auch ein Aktenvermerk,
in der gleichen ZDF-Sendung zitiert, besagt, es sei am 2. August
›keine Person anwesend‹ gewesen.
Das bestätigte
Gauck im Mai 1991 auf einer Pressekonferenz im
IPZ Berlin3, von der die nächste Sendung von ›Studio
1‹ berichtete. Woran sich
Gauck heute nicht mehr erinnern
kann, wußte er damals noch genau, nämlich
›daß ich die Akten in einem auch den anderen
Archivmitarbeitern zugänglichen Raum allein eingesehen
habe‹ und fand dies ›nicht ungewöhnlich‹.
Peter Michael Diestel, damals Innenminister der Regierung de
Maizière, nannte
Gaucks Handeln ›eindeutig
illegal‹ und ›rechtswidrig‹.4
Lüge, Verdrängung – oder Arroganz der Macht, die
auf die Vergeßlichkeit der Zeitgenossen baut und sich damit
das Recht herausnimmt, die Geschichte und darin auch die eigene
Biographie gemäß den aktuellen Opportunitäten zu
›korrigieren‹? – Menschliche Schicksale
scheinen
Joachim Gauck nicht zu interessieren.
Daß der PDS-Bundestagsabgeordnete Gerd Riege mit
Stasi-Vorwürfen in den Selbstmord getrieben wurde, lag seiner
Meinung nach nur daran, daß Riege die
Gauck-Behörde
nicht hatte wissen lassen, daß er sich von ihr ungerecht
eingeschätzt fand. Und gab es nicht auch in der DDR
Selbstmorde politisch Verzweifelter? – In beiden aktuellen
Sendungen zeigte sich
Joachim Gauck, um keine Antwort verlegen und
den geborenen Demokraten herausstellend, als ein Mensch, dem die
wichtigsten Tugenden eines Christen abgehen: Gnade und
Barmherzigkeit. Und vielleicht neben der Liebe zu anderen Menschen
auch die Liebe zur Wahrheit.« So Peter Hoff im Neuen
Deutschland am 10. November 1995. […]
Die Welt veröffentlicht MfS-Akte
Der Streit um die Frage, ob da eine Akte existierte, ob es eine
»Opferakte« war – wie
Gauck behauptete –,
war längst entschieden: Es gab eine! Die Welt hatte sie am 23.
April 1991 abgedruckt, und ich habe diesen bis dahin von niemandem
zitierten Nachdruck sowohl in meinem Buch
»Neufünfland-Pitaval« (1993) als auch in
»Der Fall
Gauck« (1996)5 veröffentlicht. Der sonst
oft und gern Rechtsanwälte bemühende Bundesbeauftragte
hatte weder den Abdruck in der Welt noch in beiden Büchern
moniert oder Rechtsmittel eingelegt. Ich hatte im »Fall
Gauck« die Akte durch sich mir aufdrängende Fragen
– 66 an der Zahl – »erweitert«. Nun, da er
sich als Kandidat für die Wahl zum Bundespräsidenten
nominieren ließ, kamen noch einige hinzu.
Und um einmal mehr Fehldeutungen zu begegnen: Es geht nicht darum,
daß
Gauck mit dem Ministerium für Staatssicherheit der
DDR zusammengearbeitet hat, sondern um seine persönliche
»Wende« in dieser Frage. Als er sich entschlossen
hatte, für das Amt des Bundespräsidenten zu kandidieren,
hatte er auf einer Pressekonferenz eine Rede gehalten und auch
gesagt: »Als ich geboren wurde, war Krieg, und es herrschte
eine finstere braune Diktatur. Und danach, zeit meiner Jugend und
des Erwachsenenalters, da herrschte eine auch finstere, aber wieder
andere Diktatur.« Wie er mit dieser Diktatur kooperierte,
offenbart die Akte! Noch einmal: Sie war erstmalig in Die Welt vom
23. April 1991 mit einer Einleitung gedruckt worden. Die mir
notwendig erscheinenden Fragen habe ich gleich
eingefügt:
»Der Sonderbeauftragte für die personenbezogenen Akten
des MfS,
Joachim Gauck, ist in die öffentliche Diskussion
geraten. Die Hauptkritik richtet sich gegen die Tatsache, daß
frühere MfS-Angehörige in der Behörde arbeiten und
auch jetzt, wenn es um die Wertung von Akten geht, erneut
›Berichte‹ schreiben. So soll es bei der
Beschuldigung gegen Lothar de Maizière gewesen sein.
Inzwischen wurde auch bekannt, daß das MfS Kontakt zu
Gauck
hatte. Zugleich meldete das ZDF,
Gauck habe die vom MfS über
ihn angelegten Akten mehrfach und über längere Zeit ohne
Beisein anderer Personen eingesehen. Daraus war der Verdacht
entstanden,
Gauck könnte für seine jetzige Arbeit, so
oder so, befangen sein. Der Welt liegt der Bericht über ein 90
Minuten dauerndes Gespräch vor, das der MfS-Hauptmann Terpe am
28. Juli 1988 mit
Gauck geführt hat. Beim MfS war
Gauck der
Deckname ›Larve‹ gegeben worden. Die Welt
veröffentlicht diesen Bericht als Beitrag zur Diskussion; aus
Gründen der Authentizität ohne Korrektur der
orthographischen und Zeichensetzungsfehler. (ms.)« Sodann
folgten die Aktenauszüge.
Attraktivität des Sozialismus
[…] »Er nannte hier insbesondere Fragen der
Ökologie, wobei er selbst die Ökologie als eine
ernstzunehmende Wissenschaft bezeichnete und bedauerte, daß
das ökologische Denken bei den Bürgern noch zu
unterentwickelt ist und es höchste Zeit wird, auch durch einen
eigenen Beitrag die Probleme, die sich durch Vernachlässigung
der Forderungen aus der Ökologie ergeben, schnellstens zu
lösen.
Durch den Mitarbeiter wurde
Gauck gesagt, daß es hier auch
Möglichkeiten gibt für Personen innerhalb der Kirche, wie
auch außerhalb der Kirche, einen konkreten Beitrag zur
Ökologie zu leisten, ihm wurde zum Beispiel gesagt, daß
der Stadtrat für Umweltschutz und Wasserwirtschaft, Peter
Struck, ständig eine Vielzahl von Arbeitskräften auf
freiwilliger Basis sucht, die beispielsweise
Dünenbepflanzungen durchführen und die auch in kleinerem
Rahmen Forstarbeiten durchführen.
Gauck entgegnete hierauf,
daß es für ihn ein leichtes sei, bei Bedarf, in
Koordinierung mit dem Rat der Stadt, solch einen Einsatz in
Zusammenhang mit dem Rat der Stadt zu organisieren, um hier die
benötigten Arbeitskräfte bereitzustellen.«
Knapp, aber unmißverständlich gefragt: Haben
Sie, Herr Gauck, damals dem MfS angeboten, Teilnehmer für
Subbotniks anzuwerben?
»Als einen negativen Fakt vor und während des
Kirchentages nannte
Gauck die seiner Meinung nach administrative
Art und Weise des Eingreifens staatlicher Organe in das
termingerechte Erscheinen einiger Kirchenzeitungen. Hierbei bezog
er sich nicht nur auf die Mecklenburgische Kirchenzeitung, sondern
nannte auch Kirchenzeitungen anderer Landeskirchen wie
Thüringen, Sachsen und Görlitz. Er bezeichnete diese
Maßnahme des Presseamtes innerhalb des Staatssekretariats
für Kirchenfragen als Willkürakt, als nicht
zeitgemäß und erklärte, daß durch solch eine
Maßnahme politischer Schaden angerichtet wird, nicht nur bei
Christen, der im Prinzip gar nicht wieder gutzumachen ist, und er
sagte, daß diejenigen, die dafür verantwortlich sind,
sich in den Augen der betreffenden Bürger nur lächerlich
gemacht haben.«
Noch einmal muß gefragt werden: So unverblümt
konnte man mit den Offizieren des MfS reden? Oder nur Personen, die
als Vertraute galten? Und noch mal: Das soll eine
»Opferakte« sein?
»Durch
Gauck wurde abschließend eingeschätzt,
daß ihn der Besuch eines Mitarbeiters des MfS im Ergebnis
dieses Gespräches angenehm überrascht habe, daß der
Inhalt dieses Gespräches ihn dazu veranlassen wird, seine
Haltung zum MfS zu überdenken, obwohl er durch die/den
verbalen Dialog mit dem Mitarbeiter des MfS noch nicht seine
Auffassung zum MfS endgültig überholt hat. Er glaubt aber
auch, daß das MfS einen echten positiven Beitrag zur
Entwicklung der sozialistischen Gesellschaft einbringen
wird.«
Kein Schreibfehler? Nein, schwarz auf weiß: Das MfS
leistet einen »echten positiven Beitrag zur Entwicklung der
sozialistischen Gesellschaft«. Das glaubte ein
»Opfer«?
»In diesem Zusammenhang nannte er auch die große
Verantwortung des MfS gegenüber dem Volk und bezog sich dabei
auf die Stalin-Ära, wo es zu erheblichen Übergriffen der
damaligen Sicherheitsorgane gegenüber dem Volk gekommen ist,
und er warnte davor, solche Übergriffe wieder bei uns an die
Tagesordnung kommen zu lassen, da irgendwann jeder durch das Volk
zur Verantwortung gezogen wird und vor dem Volk Rechenschaft
ablegen muß, wie er die ihm übertragene Verantwortung im
Interesse des Volkes wahrgenommen hat.«
Kein Zweifel: Der Mann ist der »Richtige«
für das Schloß Bellevue, denn endlich zöge dort
jemand ein, der schon in der DDR Rechenschaft vor dem Volk legen
wollte! Oder ließe sich das irgendwie anders
deuten?
»Diese Ausführungen von
Gauck wurden nicht in
ablehnender Haltung geführt (…)«, heißt es
in der Akte.
Hatte man Sie derart mißverstanden, Herr
Gauck?
» (…) sondern dienten nur zur Erläuterung seines
im Ergebnis des Gespräches entstandenen Eindrucks über
die Arbeit des MfS wie auch über die Person des Mitarbeiters,
der mit ihm das Gespräch geführt hat.
Gauck führte wiederholt aus, daß ihm das Gespräch
viel gegeben hat, daß es aber für ihn und auch für
das MfS wie auch für alle anderen, die im Staate Verantwortung
tragen, darauf ankommt, zur generellen Bewältigung der
Probleme, die in der gesellschaftlichen Entwicklung für ihn
erkennbar sind, [daß es – jW] dringend notwendig ist,
die Attraktivität des Sozialismus entscheidend zu steigern,
daß, wie schon eingangs gesagt, die Bürger ein echtes
Heimatgefühl entwickeln, daß sie in den Massenmedien
wahrheitsgemäß Informationen erhalten, daß die
Presse ein Spiegelbild ihrer sozialen Problematik darstellt und
daß jegliche Schönfärberei der Vergangenheit
angehört.«
Was aber, wenn dem (möglichen) Bewohner von
Schloß Bellevue eines Tages einfiele, wieder die
»Attraktivität des Sozialismus« nachweisen zu
wollen? Müßte da nicht der Staatsschutz wegen
»linker Aktivitäten« eingreifen? Und der BND eine
Akte anlegen?
»
Gauck wurde durch den Mitarbeiter erklärt, daß
der von ihm beantragten Einreise seiner in die BRD
übergesiedelten Kinder durch die zuständigen staatlichen
Organe zugestimmt wird und daß der Einreise seiner Kinder
nichts mehr im Wege steht.
Gauck zeigte sich bei dieser Äußerung des Mitarbeiters
sehr bewegt und erklärte, daß er seit Jahren an der
Übersiedlung seiner Kinder merklich zu leiden habe, daß
ihn das stark belaste, und letzten Endes auch er versagt hat und
nicht alles dafür getan hat, daß seine Kinder in der DDR
blieben. Auf der anderen Seite machte er auch andere Personen,
wobei er die Namen nicht nannte, für die Übersiedlung
seiner Kinder verantwortlich.«
War je jemand ermittelt worden, der dem MfS so dienstbar
gewesen war, daß eine Besuchseinreise seiner ausgereisten
Kinder genehmigt wurde? Ich bekenne: Mir ist ein solcher Fall nie
bekannt geworden.
»Durch den Mitarbeiter wurde
Gauck gebeten, ob bei ihm die
Bereitschaft vorliegt, bei Notwendigkeit ein weiteres Gespräch
zu vereinbaren.
Gauck antwortete hierauf, daß er nichts
dagegen habe, wenn der Mitarbeiter bei einem konkreten Anlaß
zu ihm den Kontakt aufnehme, daß er aber zu einem
ständigen regelmäßigen Kontakt nicht bereit ist, da
es seiner Grundauffassung widerspreche und es zu viele Dinge gibt,
die zwischen uns stehen.«
Eine »Opferakte«? Das »Opfer«
hatte keine Einwände, weitere Gespräche mit der
»finsteren Diktatur« zu führen!
»
Gauck informierte weiterhin, daß er im Ergebnis dieses
Gespräches eine Informatin an den Landesbischof geben wird,
und fragte den Mitarbeiter, ob er dagegen Einwände habe. Durch
den Mitarbeiter wurde
Gauck gesagt, daß es seitens seiner
Person keine Einwände gibt. Danach wurde das Gespräch
beendet.
Gauck brachte den Mitarbeiter bis zum Hausausgang und
verabschiedete sich von ihm nochmals. In diesem Zusammenhang fragte
Gauck den Mitarbeiter, ob er seinerseits etwas dagegen hätte,
wenn er ihn, wenn er ein Problem hätte, anrufen könnte
und mit ihm ein Gespräch vereinbaren kann/könnte.«
Wieder verschlägt es einem die Sprache. Der Offizier
der »Diktatur« verließ endlich die Gauck-Wohnung,
aber Gauck hatte noch eine letzte Frage: Wie er ihn erreichen
könne, wenn er ein »Problem« hätte? Bislang
waren kaum »Stasi«-Akten bekannt geworden, in denen
sich Gesprächsfreiwillige angeboten hatten. Wie könnte
der Mann, der ins Schloß Bellevue ziehen will, dies der
Öffentlichkeit erklären? Wie auf die Frage antworten:
Haben Sie dem MfS-Hauptmann Terpe in Ihrer Wohnungstür die
Frage gestellt, wie Sie ihn erreichen können, wenn Sie ein
»Problem« hätten?
Anmerkungen der Redaktion
1 Harri Czepuck, Klaus Huhn, Annette Schneider:
Neufünfland-Pitaval. Sammlung merkenswürdiger Gerichts-
und Kriminalfälle, Berlin 1993, im Spotless Verlag
2 Dieses Interview ist nicht in unserem Vorabdruck enthalten
3 Gemeint ist das Internationale Pressezentrum in Ostberlin
4 Zwischen Diestel und
Gauck entspann sich 2000/2001 ein
Rechtsstreit, nachdem erster gesagt hatte: »
Gauck war
zweifelsfrei kein IM, hat aber ebenso zweifelsfrei Kontakt mit dem
MfS gehabt. Etwa bei einem Gespräch 1988 zum Kirchentag
Rostock.
Gauck ist in klassischer Weise nach dem
Stasiunterlagengesetz Begünstigter.« Am Ende einigte man
sich in einem Vier-Augen-Gespräch. Diestel betonte, daß
seine Äußerung über
Gauck keine Rechtsverletzung
darstelle
5 Sven Dorlach: Der Fall
Gauck, Berlin 1996, im Spotless Verlag